Erste Woche mit der geerbten Maschine
Die Maschine kam in ihrem Holzkoffer, dazu eine Blechdose mit Garnrollen, Nadeln und Knöpfen und kein Handbuch. Meine Großtante hatte an ihr fünfzig Jahre lang Gardinen gesäumt und Hosen gekürzt, und sie konnte mir am Telefon erklären, wie man einfädelt, aber eben nur so, wie es jemand erklärt, der es im Schlaf kann: „Dann da rum und dann durch.“ Also habe ich am ersten Abend eine Stunde gebraucht, um den Weg des Oberfadens zu finden, von der Garnrolle über die Fadenführung, zwischen die Spannungsscheiben, hinauf in den Fadenhebel, hinunter durch zwei Haken zur Nadel, von vorn nach hinten durchs Öhr.
Am zweiten Abend das Aufspulen des Unterfadens, bei dieser Maschine eine kleine Spulvorrichtung oben rechts, bei der man das Handrad entkoppeln muss, damit die Nadel nicht mitläuft. Das wusste ich nicht, und die ersten Minuten hat die Nadel wild ins Leere gestochen, während die Spule sich nur halb füllte. Die Spule kommt in eine Kapsel, der Faden unter eine Feder, die Kapsel in den Greifer unter der Stichplatte, mit einem Klick, den man hören muss. Dann das Hochholen des Unterfadens mit einer Handradumdrehung. Als die erste Schlinge erschien, war ich unverhältnismäßig stolz.
Tag drei bis fünf: Nähen auf Papier, ohne Faden, mit Stichlänge 3, um das Geradeausführen zu lernen und zu verstehen, dass die Maschine den Stoff zieht und ich nur lenke. Dann Stoffreste, Geradstich, Zickzack, Rückwärtsnähen zum Verriegeln. Die Stichlänge bei dieser Maschine ist ein Hebel mit Zahlen von 0 bis 4, die Zickzackbreite ein zweiter Hebel, beides ohne Rasten, man muss es nach Gefühl machen und sich die Position merken.
Am Wochenende dann das erste Stück: ein Kissenbezug, 40 mal 40 Zentimeter, aus einem alten Vorhang, mit einer überlappenden Rückseite ohne Knöpfe, wie bei einem Hotelkissen. Er ist schief geworden, eine Ecke steht 1,5 Zentimeter über, weil ich den Stoff nicht gerade zugeschnitten habe und beim Nähen die Nahtzugabe mal bei 1 und mal bei 1,5 Zentimetern lag. Er liegt trotzdem auf dem Sofa, und ich sehe die Ecke jeden Abend und weiß, was ich seitdem anders mache: Zuschneiden mit Lineal und Schneidematte, Nahtzugabe mit Kreide anzeichnen, nicht nach Augenmaß. Die Maschine hat in dieser Woche kein einziges Mal gestreikt. Ich war das schwächere Teil.